Für weitere Informationen über die Bedeutung der Inschriften und Wappen an der Fassade des Fachwerkhauses in Einbeck, Knochenhauerstraße 4, scrollen Sie bitte bis zum Ende der Seite.
Oleg Kirieiev
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Sprachliche Einordnung der Inschrift
TOMAS STENATO DER AITE

GOTT GIBT, GOTT NIMPT,
DE NAME DES HERREN IS GELOBET.
JOBI · 1555
ANNO · 1555
TOMAS SENNO OERNE
Die Inschrift am Fachwerkhaus in der Knochenhauerstraße 4 in Einbeck ist in Niederdeutsch (Plattdeutsch) des 16. Jahrhunderts verfasst, ergänzt durch einzelne Schreibformen des Frühneuhochdeutschen. Diese Mischform war in Norddeutschland der frühen Neuzeit typisch, da der Alltagssprachgebrauch niederdeutsch war, während kirchliche und amtliche Texte zunehmend hochdeutsche Elemente übernahmen.
Typische Merkmale des Niederdeutschen in der Inschrift sind:
  • „de Name“ statt „der Name“
  • „is“ statt „ist“
  • die lautnahe Schreibweise „nimpt“ für „nimmt“
  • der insgesamt schlichte, nicht hochdeutsch flektierte Satzbau
Die Namensformen „Tomas Stenato“ und „Tomas Senno“ entsprechen der regionalen Schreibpraxis des 16. Jahrhunderts und spiegeln die damals noch nicht standardisierte Orthographie wider.
In modernem Hochdeutsch bedeutet dies:

„Thomas Stenato, der Ältere.

Gott gibt, Gott nimmt.
Der Name des Herrn sei gepriesen.
Hiob, 1555.
Im Jahre 1555.“
Geschichte
Es handelt sich um ein Bibelzitat aus dem Buch Hiob (Hiob 1,21), das im 16. Jahrhundert häufig auf Bürgerhäusern verwendet wurde, um Frömmigkeit, Demut und Vertrauen in Gottes Willen auszudrücken.

2. Das Wappen: Winkelmaß und Schere
An der Fassade befindet sich ein Wappen mit zwei typischen Symbolen:
• Winkelmaß (Ugolnik)
• Schere
Diese Kombination ist ein eindeutiges Zunftzeichen der Schneider (Schneiderhandwerk).
Das Winkelmaß steht für Maßhaltigkeit und Genauigkeit beim Zuschneiden, die Schere für das eigentliche Handwerk des Schneidens und Nähens.
Solche Wappen dienten im 16. Jahrhundert dazu:
• den Beruf des Hausbesitzers sichtbar zu machen,
• seine Zugehörigkeit zur städtischen Zunft zu zeigen,
• seinen sozialen Status zu unterstreichen.

3. Wer war der Hausbesitzer?
Der Name Tomas Stenato / Senno weist auf einen Schneidermeister hin, vermutlich ein angesehener Bürger Einbecks.
Die Bezeichnung „der Alte“ zeigt, dass es mindestens zwei Männer gleichen Namens gab — Vater und Sohn, beide im selben Handwerk tätig.

4. Bedeutung und Ansehen des Schneiderhandwerks im 16. Jahrhundert
Im 16. Jahrhundert war das Schneiderhandwerk:
• hoch angesehen,
• streng organisiert in Zünften,
• wirtschaftlich wichtig, da Kleidung teuer und handgefertigt war,
• ein Beruf, der soziale Stabilität und oft auch Wohlstand bot.
Ein Meister, der ein reich verziertes Fachwerkhaus besaß, gehörte in der Regel zur gehobenen Bürgerschicht.
Die kunstvolle Fassade des Hauses in Einbeck bestätigt, dass der Besitzer nicht nur ein Handwerker, sondern ein wohlhabender und respektierter Bürger war.

5. Zusammenfassung
Die Inschrift verkündet christliche Demut und nennt den Namen des Besitzers.
Das Wappen mit Winkelmaß und Schere zeigt eindeutig, dass der Bewohner ein Schneidermeister war.
Im 16. Jahrhundert war dieser Beruf gesellschaftlich angesehen und wirtschaftlich bedeutend, sodass ein Meister dieses Handwerks durchaus ein repräsentatives Haus wie das in der Knochenhauerstraße 4 besitzen konnte.